Meldungen aus dem Bezirksverband Arnsberg

Welch ein Beitrag zur Völkerverständigung

Vor 60 Jahren beginnt mit einer Sommerreise ein beispielloser Einsatz zur Pflege von Kriegsgräberstätten

Erndtebrück. Im Wittgensteiner Land wurde 1963 der Verein Zugvögel Wittgenstein e.V. gegründet. Der Verein ist ein politisch und konfessionell unabhängiger Jugendclub mit Sitz in Erndtebrück. Im Jahr 1961 starteten Jugendliche aus verschiedenen Wittgensteiner Sportvereinen zu einem Kriegsgräberpflegeeinsatz nach Italien. Diese Aktivitäten führten schließlich unter anderem zur Gründung der Zugvögel Wittgenstein. Weitere Kriegsgräberpflegeeinsatze des Vereins folgten in den 1960er Jahre, z.B. 1964 in Tunesien. Der Einsatz 1961 erfolgte auf verschiedenen Kriegsgräberstätten in Italien, die Ende der 1960er Jahre aufgelöst wurden. Die hier bestatteten Gefallenen wurden auf der deutschen Kriegsgräberstätte auf dem Futa-Pass umgebettet, die 1969 eingeweiht wurde.

Kriegsgräbereinsätze aus dem Wittgensteiner Land haben mittlerweile eine lange Tradition. Es unterstützen Soldaten der Erndtebrücker Hachenberg-Kaserne seit 1997 den Volksbund bei der Pflege seiner Kriegsgräberstätten. So haben Soldaten und Reservisten aus Erndtebrück 2002, 2011 und 2019 zur 50-Jahr-Feier einen Arbeitseinsatz auf dem Futa-Pass durchgeführt. Ein weiterer Einsatz ist dort voraussichtlich 2022 geplant.

Die Siegener Zeitung veröffentlichte am 10.08.2021 den folgenden Artikel über den Pflegeeinsatz im Jahr 1961, denwir hier mit freunlicher Genehmigung wiedergeben: 

 

Erndtebrück. Wieder geht es nach Italien. Ein Jahr, nachdem junge Sportler aus Erndtebrück und Umgebung in Rom die olympischen Spiele mit ihren Wettkämpfen erleben durften, starten sie am 10. August 1961 […] erneut mit zwei großen Reisebussen Richtung Südeuropa. Von „Dolce Vita“ ist diese Fahrt aber nicht geprägt. Im Gepäck haben die 60 Wittgensteiner im Alter zwischen 16 und 25 Jahren unter anderem zweieinhalb Zentner Farbe sowie eine Menge schlichte Holzkreuze. Allein diese Ladung zeigt: Es handelt sich dabei um keine Urlaubsreise, ihr Auftrag ist die Kriegsgräberpflege.

Genau das ist 1961, als der Zweite Weltkrieg gerade mal 16 Jahre vorbei ist, nicht selbstverständlich. Im TuS Erndtebrück ist daher auch nicht jeder sonderlich begeistert von dem Vorhaben des Leichtathletik-Abteilungsleiters Walter Sonneborn. Denn es soll ja darum gehen, insgesamt 850 Gräber von gefallenen Soldaten auf 30 Soldatenfriedhöfen zu pflegen – anstrengend ist das, aber mit dem sportlichen Zweck eines Vereins hat es nicht viel zu tun. „Schwierig war es jedoch nicht, Freiwillige zu finden“, konstatiert Arnold Völkel. Der Feudinger ist damals mit von der Partie und weiß genau, wie viel Vorbereitung für diese Fahrt notwendig gewesen ist: Für den Einsatz ist sogar eine Genehmigung erforderlich, den Auftrag dazu erteilt der Volksbund.

Auch vor Ort in Italien werden die jungen Deutschen zunächst noch kritisch beäugt, erinnert sich der heute 84-Jährige im SZ-Gespräch: „Aber über viele Gespräche und unser positives Verhalten haben wir

es hingekriegt.“ Die Wittgensteiner haben sogar einen regelrechten Verhaltenskodex in Form eines Handbuchs dabei. In vielen Orten im etruskischen Apennin in Norditalien werden die jungen Deutschen aber freundlich behandelt. Viele haben großes Verständnis für das Anliegen, die zugewucherten Grabstätten zu erneuern. Unkraut zupfen, Gräber pflegen, Kreuze setzen und streichen – das sind einige der Aufgaben in den fast drei Wochen, in denen die jungen Leute in Italien unterwegs sind.

Das Gemeinschaftsgefühl ihrer Gruppe ist überwältigend: „Wir kannten uns ja alle vom Sport“, erzählt Arnold Völkel der SZ. Neben 39 Sportlern des TuS Erndtebrück sind noch weitere Wittgensteiner Vereine bei dieser Fahrt vertreten: TV Laasphe (3 Teilnehmer), TV Berleburg (3), TV Arfeld (8), TV Schwarzenau (2), TV Feudingen (2) sowie Fotogruppe Feudingen (3). Trotz der schwierigen Aufgabe ist die Stimmung immer fröhlich, in beiden Bussen sind einige Musikinstrumente an Bord, häufig werden frohe Lieder gesungen – ab und zu sind es aber auch sehr nachdenkliche.

Die Fahrt- und Lagerordnung gibt ganz klare Regeln für alle Jugendlichen vor. So muss in jedem Fall die Lagerruhe zur Mittagszeit und die Nachtruhe ab 22 Uhr eingehalten werden. Sowohl Flüche als auch

sonstige Kraftausdrücke werden mit zwei Groschen zugunsten der allgemeinen Lagerkasse geahndet. Die Zelte tragen allesamt Vogelnamen und sind laut Lagerplan kreisförmig angeordnet. In der „Oase“ ist die Küche untergebracht, der „Zoo“ dient als Versammlungs- und Gerätezelt.

 

Die exzellente Vorbereitung der Reise verschafft den Jugendlichen unbeschwerte Ferientage – und weckt gleichzeitig großes Interesse an weiteren Einsätzen. Deshalb folgen weitere Fahrten mit den Einsätzen auf Kriegsgräberstätten, aber schon nach kurzer Zeit nicht mehr unter dem Dach des TuS Erndtebrück. Im Jahre 1963 gründen sich die Zugvögel Wittgenstein, die fortan die Fahrten auf die Beine stellen. Es geht in den folgenden Jahren nach Dänemark, Tunesien, Polen, Rumänien, in die Tschechoslowakei, nach Ungarn – in Zeiten, als der Eiserne Vorhang noch nicht so durchlässig ist, wie es dann erst in späteren Jahren der Fall sein sollte. Vom Beginn des Mauerbaus in Berlin drei Tage nach dem Start der Reise erfahren die Wittgensteiner aus dem Radio im Omnibus.

„Wo Raum war, einander zu hassen, da ist auch Raum, inbrünstig zu lieben.“ Das hat Walter Sonneborn gesagt. Er ist es, der die Kriegsgräberpflege initiiert. Eberhard Hoffmann schreibt 2004 über ihn: „Es war unbestreitbar sein Verdienst, diese Entwicklung in Gang zu setzen. Walter Sonneborn schuf eine Atmosphäre, die einfach jeden anspornte, der den Ehrgeiz besaß und bereit war, Verantwortung zu übernehmen.“ Er stirbt 1969 viel zu früh.

Die Erinnerung an unvergleichliche Erlebnisse, an die internationalen Jugendbegegnungen, ja an sein Werk ist geblieben. Ein Teilnehmer der ersten Fahrt schreibt damals in sein Tagebuch: „17 Tage auf großer Fahrt. Die Gemeinschaft, die während der Fahrt entstanden ist, wird die Jahre überdauern. Uns bleibt die Erinnerung an eine schöne Zeit und die Verpflichtung, es weiterzutragen zu unseren Freunden und Bekannten, zu unseren Eltern und Kollegen, damit auch sie etwas von dem erfahren und spüren, was wir erlebt haben.“

Arnold Völkel ist heute Ehrenvorsitzender der Zugvögel. Rückblickend betont er: „Kriegsgräberpflege ist Dienst am Frieden und ist ein Brückenschlag in die Zukunft – ein Brückenschlag der uns hoffentlich eine bessere Welt beschert.“ Im Jahre 1961 sei mit dieser Fahrt zur Kriegsgräberpflege in Italien die Basis für weitere zukunftsorientierte Maßnahmen gelegt worden. Ein Beitrag zur Völkerverständigung und zum Zusammenwachsen in Europa.

Text: Björn Weyand (Siegener Zeitung)

Fotos: Eberhard Hoffmann (Zugvögel)

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