Meldungen aus dem Bezirksverband Arnsberg

Das Geheimnis der Kindergräber - Wie gestalten wir inklusive Erinnerungskultur?

Landschaftsarchitektur-Student:innen der TH OWL erstellen Konzepte für Anstaltsfriedhof

Julia Hollwedel (LWL-Einrichtungen in Marsberg)

Marsberg. Nach dem Gräbergesetz (§ 1 Absatz 2 Ziffer 4) haben die „Gräber von Personen, die als Opfer nationalsozialistischer Gewaltmaßnahmen seit dem 30. Januar 1933 ums Leben gekommen sind“ ein dauerhaftes Ruherecht. Dazu zählen auch die Opfer der „Euthanasie“. Ihre Gräber sollen eine Mahnung sein, um die Erinnerung an diese nationalsozialistischen Verbrechen wach zu halten. Zudem können sie ein geeigneter Ausgangspunkt für die historisch-politische Bildungsarbeit des Volksbundes sein. Der Volksbund beteiligt sich auch daher an einem entsprechenden Projekt in Marsberg - siehe folgende Pressemitteilung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL):

Erinnern ist Arbeiten an der Zukunft. Die LWL-Einrichtungen in Marsberg haben ein gemeinsames Projekt mit der technischen Hochschule OWL ins Leben gerufen. Zusammen mit ihrer Professorin Elizabeth Sikiaridi haben zwölf Student:innen der Landschaftsarchitektur den Anstaltsfriedhof an der Bredelarer Straße im Rahmen eines zweitägigen Workshops besucht.

Begonnen hat der Workshop mit einer historischen Einordnung durch Dr. Jens Gründler vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte. „Die Zwangssterilisierungen und Patient:innenmorde während der NS-Zeit waren keine isolierten Ereignisse, sondern müssen im Kontext verschiedener theoretischer Vorläufer gesehen werden“, betont er. „Der wichtigste Vorläufer war die Eugenik, also die Idee und Lehre von der Verbesserung des menschlichen Erbgutes durch verschiedene Maßnahmen.“ Über die genauen Ausmaße der ‚Unruhen‘ in der Marsberger Bevölkerung, die schlussendlich dazu führten, dass die Kinderfachabteilung nach Dortmund verlegt wurde, sei (nach Aussage von Dr. Gründler) wenig genaues bekannt.

Im Anschluss haben Jens Effkemann und Vanessa Schmolke vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. über Kriegsgräber und ihre einzigartige Bedeutung als Zeitzeugen gesprochen. „Kriegsgräber sind ein Ort der Mahnung und Verständigung“, so die beiden Referent:innen. „In Anbetracht des Kriegs in der Ukraine ist unsere Arbeit aktueller denn je.“ Dabei gehe es nicht nur um die Klärung von Einzelschicksalen bei rund 20.000 Umbettungen pro Jahr, sondern auch um Verständnis, Versöhnung und Akzeptanz bei internationalen Jugendbegegnungen. „Die Gedenkkultur ist ein wichtiger Pfeiler, um den Frieden zu wahren“, so die Bildungsreferentin Vanessa Schmolke.

In Kleingruppen hatten die jungen Erwachsenen im Vorfeld Impulsreferate zu verschiedenen Gedenkorten wie zum Beispiel die „Varusschlacht - Museum und Park Kalkriese“ oder dem Gedenkort „Passagen“ für den Philosophen Walter Benjamin gehalten. Im Anschluss an die Vorträge haben die Student:innen erste Ideen und Konzepte zur Gestaltung einer inklusiven Erinnerungskultur für den Anstaltsfriedhof entwickelt, die sie im Laufe des Semesters weiterentwickeln. Professorin Elizabeth Sikiaridi sagt: „Es ist schön, dass unsere Student:innen die Möglichkeit bekommen, an einem realen Projekt zu arbeiten und so wertvolle Erfahrungen zu sammeln.“

Einladung:

Die Online-Präsentation der Ergebnisse findet am Mittwoch 29. Juni 2022 um 14 Uhr im Festsaal Weist in Marsberg statt. Die Präsentation inkl. Diskussion wird voraussichtlich ca. 1,5 bis 2 Stunden dauern. Alle Interessierten sind ganz herzlich dazu eingeladen, die Online-Präsentation gemeinsam im Festsaal mit zu verfolgen.

Anmeldungen unter Julia Hollwedel: 02992 601-1399 oder julia.hollwedel@lwl.org.

Hintergrund:

Im Nationalsozialismus wurde das St. Johannes-Stift, Vorgänger des LWL-Klinikums Marsberg, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie des LWL-Wohnverbundes Marsberg zu einer „Kinderfachabteilung“ des „Reichsausschusses zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden.“ In den folgenden Monaten wurden dort etwa 50 Kinder und Jugendliche durch die überdosierte Gabe von Medikamenten gezielt betäubt und getötet. Dazu kamen regimetreue Schwestern, die sogenannten „braunen Schwestern“, von Berlin nach Marsberg.  Wegen Unruhen in der Bevölkerung wurde 1941 die „Fachabteilung“ in Marsberg geschlossen und nach Dortmund-Aplerbeck verlegt. Der Anstaltsfriedhof gehört zu den ganz wenigen Gedenkstätten mit erhaltenen Gräbern.

Fotos und Text: Julia Hollwedel (LWL-Einrichtungen in Marsberg)
 

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